Der Grüne Mann - the green man: eine Inspirationsquelle

 Mai – Grün - üppige Vegetation, da zeigte sich mir vor ein paar Wochen zum ersten Mal der Grüne Mann! Nein, keine grünen Männchen (obwohl unsere Vorstellung von ihnen sehr wahrscheinlich auch auf den Grünen Mann zurück gehen...), sondern – in Form einer Orakelkarte aus dem wundervollen Kartenset «Magie der Erde» von Steven D. Farmer. Ich war erstaunt, dass ich von diesem Archetyp noch nie gehört hatte. Mein Interesse an seiner Geschichte und seiner Jahrhunderte alten Symbolik für das Göttliche in der Natur und in uns wuchs mehr und mehr. 

 


Die Begeisterung nimmt kein Ende, denn seither begegnet er mir überall. Jetzt habe ich ihn auch gemalt.

Der Grüne Mann - eine Inspirationsquelle

Alles, was ich hier über den Blättermann berichte ist bloss ein kleiner Ausschnitt dessen, was ich in den letzten sechs Wochen über ihn erfahren habe und was mich nach, wie vor regelrecht antreibt.

Der Grund, warum ich in diesem Blog über den Blättermann berichte?

Ich schreibe hier über den Grünen Mann, weil seine Symbolik meiner Vorstellung von Kreativität entspricht: Eine Aufforderung uns mit der Natur zu verbinden. Unser Herz und unseren Blick zu öffnen, und neben dem Alltäglichen die Welt der Wunder um uns herum wahrzunehmen und uns davon inspirieren zu lassen.

Die Beschäftigung mit diesem Sinnbild der Natur und Erdverbundenheit beflügelt mich und hat mich dazu angeregt, ihn zu malen und in Kirchen, Museen und Städten nach ihm Ausschau zu halten. Tatsächlich, er ist allgegenwärtig! Sieh selbst.

Diese Grünen Männer habe ich im Viktoria and Albert Museum in London entdeckt, nachdem mir das Personal versicherte, sie hätten in der Ausstellung leider keine "green man"... Die ersten fünf Abbildungen stammen aus dem 15. Jahrhundert. Der sechste Blättermann ist im Schweizer Landesmuseum in Zürich zu sehen. 

Die Gestalt des Grünen Mannes und wo wir ihn finden

Es gibt in Europa sehr viele Bespiele von Grünen Männern - den Blattmasken - vor allem an romanischen und gotischen Kirchen und Kathedralen in England, Frankreich, Deutschland, der Schweiz. Die Darstellung ist ein meist männliches Gesicht, das in drei Erscheinungsformen auftritt

  • ein Gesicht aus dem Laub hervorquillt,
  • das in Laub übergeht oder
  • das aus Laub hervorgeht.

Doch nicht nur in Europa treffen wir ihn an, auch in Asien und Südamerika ist das Gesicht des grünen Blättermannes zu finden.

Bestimmt hast du diese Blattgesichter auch schon irgendwo gesehen

Der Mythos des Grünen Mannes reicht zurück in vorchristliche Zeit. Wir finden ihn als steinerne oder geschnitzte Skulpturen an Sockeln, Kapitellen, in Fensterstürzen romanischer und gotischer Kirchen und Kathedralen, und ebenso an profanen Gebäuden des 18. und 19. Jahrhunderts. Auch in Form von bronzenen oder schmiedeeisernen Blattköpfen an Brunnen, Geländern oder in der Buchmalerei.

the green man - ein Stück Kunstgeschichte unserer Zeit

«Der Grüne Mann kommt zurück um zu warnen, aber auch um zu helfen. Er umfasst in seiner Person die Einheit, die zwischen der Menschheit und der Natur aufrechterhalten werden sollte. Er ist in sich ein Symbol der Hoffnung; er ist Ausdruck der Gewissheit, dass das Wissen der Menschen eine Allianz mit den instinktiven und emotionalen Kräften der Natur eingehen kann.»

Ist das nicht wundervoll? Diese Zeilen stammen von William Anderson, der 1990 ein umfangreiches Buch über den Blättermann geschrieben hat: „Green Man. The Archetype of our Oneness with the Earth“, mit dem deutschen Titel «der Grüne Mann – ein Archetyp der Erdverbundenheit». Sehr empfehlenswert! Neben einer Fülle von Beispielen und ausgezeichneten Fotos von Clive Hicks führt uns der Autor durch eine Welt der Mystik, Natur und Symbolik, beschreibt Riten und Volksbräuche, die fest mit unserer europäischen Kultur aber auch mit der ganzen Erde in Verbindung stehen.

 

Es gibt nicht viele Bücher in deutscher Sprache zu diesem Thema, mittlerweile aber recht viele Fotos und Internetseiten, die sich mit unserem grünen Helden befassen. Darunter Umweltschützer, Naturverbundene, Geomanitker und Künstler.

Lady Raglan und the green man

Die volkskundlich interessierte Baronin Lady Raglan aus Monmouthshire in Wales war die erste, die 1939 mit ihrem Aufsatz The “Green Man” in Church Architecture den Begriff des Grünen Mannes prägte. Im deutschen Sprachraum war zu diesem Zeitpunkt bereits die Bezeichnung Blattmaske üblich.

Sie arbeitet an einer Studie über diese rätselhaften Figuren, gemeißelter Schlusssteine in den Gewölben von mittelalterlichen Kirchen. Lady Raglan war auch die erste, die eine Verbindung zwischen den geschnitzten oder gemeißelten Laubgesichtern und der volkstümlichen Figur der Maifeste herstellte.

Laubmasken überall, von links nach rechts: Haustür in Freystadt, Eisengitter der Wallfahrtskirche Mariahilf in Freystadt, 1724, der Anna-Seiler

Brunnen und der Schützenbrunnen aus dem 16. Jahrhundert in der Marktgasse Bern.  

Zur Mythologie des Günen Mannes

Die Wurzeln des Grünen Manns gehen auf älteste Mythen zurück. Mit ihm in Verbindung gebracht werden kann der Wilde Mann, die Waldgötter, die keltischen Druiden, der keltische Gott Esus, Robin Hood, Naturgesellschaften, und nicht zuletzt Jack-in-the-green, das keltischen Fests Beltane, die Volksbräuche unserer Frühlings- und Maifeste mit Maibaum und Maikönigin, die Walpurgisnacht und natürlich Gaia, unsere Mutter Erde!

 

Dieser wundervolle Baum steht in einem Wald oberhalb von Worb. Mutter Erde? Grüner Mann? Oder Zeichen für beide?

Der Frühling die Muttergottes und ihr Sohn

Das Thema des Grünen Mannes gebührend zu besprechen ist nicht meine Aufgabe. Doch ich helfe gerne mit, ihn wieder in unser Bewusstsein zu holen. Und einen Aspekt möchte ich noch aufgreifen und unters Volk streuen, der mich fasziniert und mir echt nicht bekannt war.

 

Ich zitiere aus dem Artikel von Clive Hicks, der in der Übersetzung von Jochen Schilk auf der Webseite von geomantie.net zu finden ist (übrigens eine schöne Zusammenfassung ihres gemeinsamen Buches mit William Anderson):

«Viele frühe Kulturen kennen eine Muttergöttin, die ohne Vater einen Sohn gebärt. Interessanterweise wird er häufig mit einem Baum [Maibaum] in Verbindung gebracht, und diese Verbindung erstreckt sich bis ins alte Ägypten und in die klassische Antike. Der Tod und die Wiedergeburt des Sohns wurden mit dem Frühling assoziiert, dem Wunder, das in allen alten Gesellschaften zentrale Bedeutung hatte. Mit der Charakterisierung des göttlichen Ursprungs des Lebens als weiblich und ihrem gottmenschlichen Nachwuchs als männlich, haben wir das traditionelle Verständnis von Weiblichkeit und Männlichkeit erfasst.»

 

Für mich eine schöne Vorstellung, beim nächsten Vollmond-Shaktifeuer diese Verbindung von Gaia und Grünem Mann zu würdigen.

Meine Version vom Grünen Mann auf Goldgrund

Für meine malerische Umsetzung vom Grünen Mann habe ich als Vorlage das berühmte Exemplar des aus der Kathedrale in Norwich verwendet und meine eigene Kreation daraus gemacht. Das Origninal darf ich hier leider nicht zeigen, kannst du aber googeln. Es ist von 1415 von John Waltington geschnitzt.

 

Nachdem ich es gemalt hatte las ich darüber, es gelte als das Angesicht der Inspiration! Wow - meine Güte, so viele «Zufälle» hatte ich nicht erwartet. Passt aber für mich ausgezeichnet, denn als das verstehe ich ihn – als meinen Inspirations -Grünen Mann ;)

 

Mein echter Mann nennt ihn zärtlich "den Salatkopf" (das ist natürlich der purer Neid...!) und meinem Sohn hat die irre Vorzeichung viel besser gefallen. Er sagt, jetzt sehe er aus, wie ein Affe.

Alles bestens, jeder darf seine Meinung haben!

Das Gesicht in unserem Tisch

Das Vergolden des Hintergrundes hatte ich ausnahmsweise an unserem Wohnzimmertisch gemacht und nicht im Atelier.

Gerade als ich fertig war mit dem Vergolden und das Bild vom Tisch nahm, traf es mich, wie der Blitz und ich sah etwas, das ich die ganzen 18 Jahre zuvor, die ich schon an diesem Tisch sitze, noch nie gesehen hatte: Den Grünen Mann in unserem Tisch!

Ist das nicht irre? Ein schönes Beispiel für sog. Pareidolie, das Phänomen, in Dingen und Mustern Gesichter, Wesen oder Gestalten zu erkennen. 

Ich könnte dir noch mehr erzählen, was mir wundersames passiert ist, aber jetzt lasse ich lieber dich mal zu Wort kommen. Du hast bestimmt auch einiges zu berichten.

Ich freue mich, wenn du im Kommentarfeld deine Erlebnisse, Erfahrungen, Erkenntnisse oder Ergänzungen rund um den green man mit mir und den anderen teilst! Herzlichen Dank dafür!

Diesen kleinen Ausflug in die Welt der Mythen und Geschichten rund um den Grünen Mann beende ich mit dem Lied von Jethro Tull: Jack in the Green

Mit herzlichen Grüssen, Julia Bigler

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Kommentare: 4
  • #1

    sylvia (Mittwoch, 06 Juni 2018 10:03)

    Liebe Julia
    ich bin wieder einmal hin und weg von deinem Text. Wie schön, dass du mir und allen anderen den grünen Mann auf diese Weise näher bringst. Hatte noch nie von ihm gehört...
    herzliche Grüsse aus Luzern
    Sylvia

  • #2

    Julia Bigler (Donnerstag, 07 Juni 2018 18:06)

    Liebe Sylvia, vielen Dank für dein Kompliment! Ja, der green man hat es mir angetan. Mein Mann ist auch schon infiziert. Er entdeckt ihn jetzt auch überall. Gestern bekam er ein Blumenbouquet geschenkt: Verschiedene grüne Blätter arrangiert in einer Vase, die einen Frauenkopf darstellt...:) Ich bin gespannt, wo du ihn (oder sie) überall entdeckst. Herzensgrüsse nach Luzern, Julia

  • #3

    Roswitha (Mittwoch, 13 Juni 2018 16:38)

    Wunderschön geworden Julia:)! Das Gold gebührt dem Grünen Mann & steht ihm ausgezeichnet! Die Verbindung Mensch Natur ist immer da, wir sind ja auch Natur. nur manchmal meinen wir getrennt zu sein. Und Natur ist Lebendigkeit, sattes Grün und Strahlkraft.

    Viel Freude mit deinem grünen Mann - mir macht er Freude anzuschauen.

    Roswitha

  • #4

    Julia Bigler (Donnerstag, 14 Juni 2018 12:20)

    Das hast du so schön gesagt liebe Roswitha! Ja, wir sind Natur und viele der AutorInnen, von denen ich zu diesem Thema gelesen habe denken, dass sich der Grüne Mann - so lange vergessen - genau jetzt wieder in unser Bewusstsein drängt, weil die Zeit reif dafür ist. Weil wir uns wieder an unsere Wurzeln erinnern dürfen. Du sagst es so gut, an unsere Strahlkraft und Lebendigkeit. Ich sehe nicht den erhobenen Zeigefinger im Grünen Mann, sondern vielmehr die grosse Liebesfähigkeit zu uns selbst, unseren Mitmenschen und unserer Erde. Vielen Dank für deine Bereicherung! Herzliche Grüsse an dich, Julia